HOLOFICTION - DIE IKONOGRAFIE DES HOLOCAUST IM SPIELFILM

Buch herausgegeben von Marcus Stiglegger, 192 Seiten, Schüren Verlag, Juli 2026

 
 

Vorwort von Volker Schlöndorff

Wie ich die Bilder der Shoah entdeckte und was sie in mir bewirkten

Holofiction ist eine Schocktherapie und zugleich ein wissenschaftliches Werk über die Unzulänglichkeit der menschlichen Fantasie. Tatsächlich ist «Unvorstellbar» das erste und passendste Wort, das einem bei jeder Beschreibung dieses Horroruniversums einfällt. Seit Goyas Schrecken des Krieges ist so viel Grausamkeit nicht dargestellt worden. Michal Kosakowski hat sich vorgenommen, die Bilder, die dem Kino dazu eingefallen sind, systematisch zu erfassen. Das Ergebnis ist so erschreckend wie ernüchternd: Es sind immer die gleichen Bilder, ob in Hollywood-Filmen oder europäischen Arthouse-Produktionen. Fast alle lassen sich zurückführen auf die immer gleichen Dokumentaraufnahmen, die die Alliierten beim Befreien der Lager aufgenommen haben. Als ob die Fantasie von Aberhundert Künstlern, die sich daran abgearbeitet haben, wie man das Grauen darstellen kann/darf, keine «eigenen Bilder» im Kopf hatten. Die Kompilation beweist, wie unser aller Fantasie nur ausgehend von Dokumentarbildern überhaupt «eigene Bilder» schaffen konnte bzw. nicht schaffen konnte.

In schier endloser Folge zeigt Holofiction zunächst wohlgeordnete Sammelstellen, Märsche durch friedliche Städte zu Bahnhöfen, brutales Laden von Güterzügen, nachgeworfenes Gepäck, zuschlagende Türen, verschreckte Gesichter hinter vergitternden Fenstern, abfahrende Züge, ankommende Züge, gestiefeltes Wachpersonal, bissige Hunde, Appellplätze hinter Stacheldraht, ausgemergelte Gesichter, Skelette bei der Arbeit in Steinbrüchen, rauchende Schornsteine. Aufseiten des Wachpersonals Tango, Foxtrott, Walzer spielende Grammophone, Kuckucksuhren, die die Stunden schlagen, Primeln in Blumentöpfen auf Fensterbänken. Alle diese Bilder sind einzeln gesehen erschütternd, alle zusammen, en masse, more of the same, wirkungslose Klischees. Als ob einer von dem anderen abgekupfert hätte, was nicht der Fall ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Vielleicht der Beweis für Claude Lanzmanns These, dass der Holocaust nicht inszeniert, nicht verfilmt werden kann.

Das war auch meine Überzeugung, nachdem ich 1956 zum ersten Mal Alain Resnais’ Nuit et brouillard / Nacht und Nebel gesehen hatte. Es war in einer französischen Kleinstadt, wo ich mich gerade als Austauschschüler befand. Natürlich hatte ich von den Lagern gehört, hauptsächlich in Witzen über die Verwendung von Gas und das Herstellen von Leim aus Knochen. An eine konkrete Beschreibung, an Bilder oder Zahlen über den Holocaust kann ich mich aus dem Unterricht in Wiesbaden nicht erinnern. Dieses Thema war im Adenauer-Deutschland tabu, an den Schulen, wie in der Gesellschaft. Der Holocaust wurde durch das Verschweigen praktisch geleugnet. Deshalb war ich dem, was ich nun sah, weder geistig noch sonst wie gewachsen.

Erst ein Jahrzehnt nach Kriegsende hatte Alain Resnais begonnen, die Filmaufnahmen zu sichten. Sie waren in den Archiven verschwunden. Resnais wusste, wie schwer der Umgang mit solchen Bildern war. Werden die Zuschauer nur einem Schock ausgesetzt, können sie das Unfassbare nicht begreifen.

Ich will die Zuschauer ja nicht erschlagen, ich will sie verstören, sie wachrütteln, neugierig machen, sie etwas entdecken lassen.

Resnais fuhr mit seinem Kameramann Sacha Vierny nach Auschwitz. Um eigene Bilder zu haben, filmten sie die Reste der Lager, und zwar in Farbe, als Kontrast zu den Wochenschau-Dokumenten. Sie filmten das Gras, das nun zwischen den Gleisen wuchs, den verrosteten Stacheldraht der Elektrozäune, die Risse in den Betonmauern der Gaskammern und vor allem die zu regelrechten Bergen aufgehäuften Schuhe und Brillen, die den Umgebrachten gehört hatten – und auch die Berge der Haare, die man ihnen abgeschnitten hatte, um Filzdecken daraus zu machen.

Diese Bilder machten möglich, was keiner Einbildungskraft vorher gelungen war: sich den Tod von Millionen vorzustellen. Die Bilder der Leichenberge hatten die Zuschauer erschlagen, die Berge der Brillengestelle berührten sie. Mit den langen Fahrten an dem Zaun des ehemaligen Lagers entlang hatte der Regisseur zunächst einmal einen Zugang geschaffen. Die eigentlichen Dokumente wirkten in diesem Rahmen umso stärker.

Die damalige Wirkung von Nacht und Nebel ist heute unvorstellbar. Holofiction zeigt, wie diese Bilder in den letzten 70 Jahren inflationär, würdelos und wahllos zu Illustrationszwecken benutzt und abgenutzt wurden. Als aber damals das Licht im Saal anging, war ich mir sicher, dass sich dieses Geschehen auf immer jeglichem Inszenieren entziehen würde.

Das war 1956. Inzwischen hat es die Holocaust-Fernsehserie gegeben, Sophies Choice / Sophies Entscheidung, Schindler’s List / Schindlers Liste, The Pianist / Der Pianist, Son of Saul, Korczak und viele andere mehr, sodass ich, als ich 50 Jahre später das Tagebuch eines Priesters über seine Haft im KZ Dachau las, mich fragte, ob wir Deutschen dieses Thema weiter mit einem Tabu belegen und es für immer anderen überlassen sollten Pater Jean Bernard, ein Luxemburger, beschrieb konkret, nüchtern, ohne jedes Pathos, mit fast dokumentarischer Präzision, was er erlebt hatte. Er erzählt in kleinen Details, fast in Großaufnahmen, subjektiv, aus der Sicht des Gefangenen, der die Kraft nicht mehr hat für große Überblicke, für Totalen, der nur noch die Hacken seines Vordermannes wahrnimmt oder den Löffel in seinem Blechnapf. Genau so habe ich den Film dann auch gedreht: In Bruchstücken, in Close-ups.

Volker Schlöndorff im April 2026